„Wir können es nur über die Liebe ...“

Antikhandel Tollensetal in der Presse

Eingespielt: Gregor Knak (l.) und Uwe Schefferski beherrschen ihr Handwerk. FOTOS: SEBASTIAN HAERTER

Eingespielt: Gregor Knak (l.) und Uwe Schefferski beherrschen ihr Handwerk. FOTOS: SEBASTIAN HAERTER

Es gehört viel Mut dazu, mit „Altholz“ den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Uwe Schefferski und Gregor Knak taten es dennoch. Sie teilen die Begeisterung für Möbel mit Geschichten.

GRAPZOW. Sie könnten beinahe Vater und Sohn sein – sie sind es nicht. Sie hätten am anderen Ende der Welt bleiben dürfen – sie wollten es nicht. Sie würde wohl jeder Handwerksbetrieb mit Kusshand einstellen – sie wählten die unbequeme Selbstständigkeit. Uwe Schefferski und Gregor Knak aus dem vorpommerschen Grapzow passen in keine Schublade. Nicht mal in eine selbst gezimmerte. Das Deutsche Handwerk, das gerade mit großem Werbeaufwand sein Image aufpoliert – „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ – könnte die zwei Handwerker problemlos als Kampagnen-Zugpferde engagieren. Sie brennen für ihren Beruf und nehmen ihn für nicht weniger als ihre Berufung. Deshalb wäre ihnen besagter Werbejob vermutlich aber auch herzlich schnurz. Kennengelernt haben sich die Männer mit der Vorliebe für alte Möbel auf einer Baustelle. Tischler Uwe Schefferski baute ein altes Haus zum Familiendomizil um, Gregor Knak als Dachdecker half dabei. Man kam ins Fachsimpeln, Spinnen, Grübeln. „Man müsste was zusammen machen.“ Vor zweieinhalb Jahren wagten die Männer die Existenzgründung in Grapzow. In idyllischer Lage vis-à-vis des Dorfteiches richteten sie Werkstatt und Ausstellungsraum im ehemaligen Gasthof Wodrich ein.

Auf die Details kommt es an: Alte Lacke und Anstriche zu entfernen, ist mühselig.Bescheidenheit in Backstein. Ein weißer Stuhl am Giebel ist das  Markenzeichen. „Wir sind Tischlerei, Antikhandel und Restaurationsfachbetrieb“, sagt Uwe Schefferski. Man merkt allerdings schnell, wofür das Handwerkerherz pocht: Der 50-Jährige hat ein Faible für alte Möbel und ein Fachwissen, dass einem die Augen tränen. Wie zum Beweis schnappt sich der Experte einen Stuhl aus der Werkstatt in einem Zu- stand, den der Laie als „Brennholz“, der Krämer als „antik“ und jeder Holzwurm als „lecker“ bezeichnen würde. Nach einem viertelstündigen Vortrag schämt sich der Laie für den Gedanken, ein Stück Kulturgut verheizen zu wollen und freut sich über das Auge des Fachmanns, der nicht nur weiß, dass das Biedermeier-Sitzmöbel um 1850 bis 1870 entstanden ist, son- dern auch, dass es ein deut- scher Stuhl ist, dass das nach 160 Jahren „etwas durchgesessene Polster“ original ist – eine Seltenheit – und weitere Details, die der Außenstehende demütig und staunend zur Kenntnis nimmt. Ebenso wie die Aussicht, das gute Stück eines Tages nach unendlicher Kleinarbeit wieder aufgearbeitet zu sehen.

Dass sich alte Möbel und Innovation nicht ausschließen müssen, zeigt indes Gregor Knak, der Stühle und Tische mit einer Einlage aus echtem, farbigem Linoleum veredelt, was den Nutzwert erhöht und überdies optisch reizvoll ist. Den Spruch von der „Wirtschaftsmacht von nebenan“ nehmen die Gründer wörtlich. Mag das mit der „Macht“ noch dauern, das „nebenan“ und regionale Verwurzelung ist ihnen wichtig. „Das erste Jahr war hart“, geben beide zu. In einer strukturschwachen Region haben sie sich bewusst für das platte Land entschieden. Die Welt haben sie gesehen und bereist – Uwe Schefferski arbeitete in einem Fischerdorf in der Dominikanischen Republik, Gregor Knak hat halb Australien erkundet. Und doch wollten sie genau dort bleiben, von wo vermeintlich alle weg wollen. Zwei Kinder hat mittlerweile jeder von ihnen. Man findet sein Auskommen, ist zufrieden, zwischen Dorfteich und Kirche angekommen zu sein.

Gregor Knak wertet alte Stücke mit Linoleum auf. Im ehemaligen Siedenbollentiner Kindergarten kann man die Möbel sehen.

Das bedeutet nicht, dass beide ihre Ansprüche niedrig ansetzen. Im benachbarten Siedenbollentin haben sie den ehemaligen Kindergarten zum Ausstellungshaus umgewandelt, das nichts gemein hat mit den „Antik- Scheunen“, die im Zwielicht Altholz als Möbelschätze verhökern. Vom restaurierten Barockschrank bis zum Biedermeier-Sofa bilden Möbel aller Art die stilvolle Kulisse dieser Dauerausstellung. „Wir wollen es eben immer hundertprozentig haben. Wir können es nur über die Liebe“, meint Uwe Schefferski fast entschuldigend, wenn man ihn auf seine Akribie anspricht. Es gibt Schlimmeres, was man über einen Handwerker sagen könnte.

Sebastian Haerter im Nordkurier am 13.10.2012



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